388 Augenbinde vs. Scheuklappe

Eine angeregte Diskussion rund um meinen Artikel “Aug um Aug” gibt mir zu Denken. Es kommen berechtigte Einwürfe, besonders im Bezug auf den gegenwärtigen Zustand unseres Systems. So sehr ich die “Demokratie” in ihrer Reinform immer noch für unübertroffen halte, so muss auch ich einsehen, dass es nicht so funktioniert wie in der Theorie und mein hehrer Ansatz, die Heilung sollte mit Mitteln der Aufklärung funktionieren, könnte wirklich etwas unbeholfen sein. Diese Veränderung in meiner Sichtweise möchte ich mit folgender Formel darstellen:

GS = D – (i-a)

(GS) steht für “gegenwärtiges System”. Dies ist eben die benannte “Demokratie” (D). Die Demokratie wird von ihrem Ideal weggeführt, weil Interessen (i), sie daran hindern, so zu funktionieren, wie sie es eigentlich können sollte. Anonymus (a) steht für einen ausgleichenden Faktor zu (i), weil eben Anonymus wohl mit klar “anti-aufklärerischen” Mitteln arbeitet, aber auch (i) sich nicht an die Grundprinzipien hält. (a) schlägt (i) mit den eigenen Waffen und ist wohl so etwas wie ein “Gegen-Gift”. Der Pragmatismus hat also auch die Sphäre der politischen Kritik erreicht, (i) hat sich dieses Charakterzuges ja schon einer halben Ewigkeit lang bedient.

381 Aug um Aug?

Ich habe ein Video von Anonymus gesehen, wo sie Roland Düringer zu seiner Rede am Schluss des letzten “Donnerstalk” gratuliert haben. Abgesehen davon, dass diese pathetische Solidarisierung so unglaublich lächerlich ist, habe ich mich doch mehr noch an der prinzipellen Formel von “Anonymus” gestoßen:

http://t.co/dYMlCqN4 - "Wir vergeben nicht." Bei aller Liebe, aber das geht nicht. Da habe ich andere Prinzipien. #protestant
@schoenswetter
Karl Schönswetter

Dazu kam folgendes Reply:

@ Wem vergibst du zuerst? George Bush seinen illegalen Krieg und Folterprogramm oder Anonymous dafür nachtragend zu sein?
@raphi72
Raphael Wegmann

Meine Antwort:

@ Es ist ganz einfach: Rache ist kein probates Mittel, weder privat noch politisch. (Egal, was die Mafia behauptet)
@schoenswetter
Karl Schönswetter

Ein Reply:

@ Rache? Wie kommst du darauf? Wer will denn GWB foltern? "Rache ist kein probates Mittel!", sagt d Dieb zur Polizei? #justice
@raphi72
Raphael Wegmann

Ein Punkt, an dem die Diskussion schon etwas in die falsche Richtung driftet und daher der Versuch meinerseits es auf die Wurzel zuzuspitzen:

@ Bring doch nicht gleich alles Durcheinander. Ich bezog mich auf meinen ersten Tweet. Der Spruch "Wir vergeben nicht" ...
@schoenswetter
Karl Schönswetter
@ … verletzt einfach meine religiösen Gefühle. (Natürlich tut dies GWB auch, aber darum geht es hier nicht!) Punkt.
@schoenswetter
Karl Schönswetter

aus Zwei mach Drei, sprich Reply:

@ Religion =/= Politik. Vorsicht: Religionen könnten auch verlangen den Taliban und der Al Kaida zu "vergeben".
@raphi72
Raphael Wegmann
@ Eine Strafe für GWB könnte auch verhindern, dass ein anderer Präsident eine WMD Lüge benutzt um ein Nachbarland anzugreifen.
@raphi72
Raphael Wegmann
@ Vergeben kann man erst, wenn Gerechtigkeit wiederhergestellt ist. ZB vergibt niemand einem Dieb, solange er die Beute hat.
@raphi72
Raphael Wegmann

Wonach mir jetzt der Kragen ob der Unzulänglichkeit der 140 Zeiten platzt. Das driftet doch vollkommen auseinander und bringt überhaupt nichts. Hier also nochmals mein Versuch einer 140+ Antwort:

“We do not forgive” klingt stark und passt daher auch zur pre-adoleszenten Clique der Weltverbesserungs-Hacker, aber es ist keine wirklich neue Idee. Sie steht schon im Alten Testament und wird mit dem Gesetz von “Aug’ um Aug’ zusammengefasst. Dann kam Jesus und hat den Vorschlag gebracht, dass diese Idee keine Lösung sein kann, weil sie eine tödliche Spirale in Gang setzt und eben nur durch den Verzicht auf Rache von einer Seite durchbrochen werden kann. Das hielten schon die damaligen Zeitgenossen für eine utopistische Spinnerei und mussten dabei auch zusehen, wie ihr Prophet vor ihren Augen ermordet wird. Aber … er hat Recht. Und diese Idee ist viral und nicht von der Welt zu bannen, seitdem sie ausgesprochen wurde. Ich bin Christ, genau aufgrund dieser Ethik (1). Diese Ethik verlangt eine Stärke, die Übermenschlich ist und daher ist sie immer noch nicht Common Sense. Sie wird es wohl auch nie werden, aber diese Ethik ist mein persönlicher Gratmesser für den Charakter handelnder Personen und ein verstecktes kleines Zeichen der gegenseitigen Erkennung. Und ich betrachte es als meine Aufgabe, da ich diese Ethik ernst nehme und an sie glaube, immer und überall daran zu erinnern. Es gibt keine unpolitische Religion. Es gibt keine Politik, die nicht Religion ist. Ich kann meine Ethik vom Alltag nicht trennen.

Gerechtigkeit ist nicht 1:1. Es ist das Prinzip dieser Ethik, ja, auch Terroristen zu vergeben. Es ist das Prinzip dieser Ethik, George W. Bush vor ein Gericht zu stellen, aber es ist das gleiche Prinzip dieser Ethik ihn danach nicht durch ein Todesurteil das Leben zu nehmen. Mich widert diese Rachelust unserer Gegenwart so dermaßen an, sie steuert so unaufhörlich lust-ächzend auf den nächsten Untergang zu, weil der gierige Blick der Gier nach “Gerechtigkeit” die Menschen wieder zu Tieren macht. Wir müssen diesen Teufels-Kreis endlich beenden. Darum geht es mir, darum verachte ich “We do not forgive” so abgrundtief und höchstemotional.

ad (1): Nietzsche hat in seinem Pamphlet “Der Anti-Christ” diese Ethik zu einem wunderbaren Gegenargument wider der Institution Kirche gemacht. Die Jünger Jesu hätten nach dem Tod ihres Meisters die Worte ebendessen nicht verstanden und hätten dann die Auferstehung erfunden, um eine virtuelle Überhöhung ihrer Situation zu erreichen. Sie haben sich für “Rache” entschieden. Die größte Niederlage Jesus’, viel schlimmer noch als sein Tod am Kreuz.

ad (2): Ein P.S. noch auf Deine Anspielung zu Verbrechen: Dafür gibt es die Justiz. Die Aufklärung ist durchdrungen von der Ethik und hat wunderbare Ideen und Instrumente geschaffen, um eine bessere Welt zu bilden. In der Postmoderne hat man die Aufklärung verneint, aber sie hat nie an Relevanz verloren, sie wurde einfach nie wirklich durchgezogen. Es gibt ein Strafgesetzbuch, es gibt eine Staatsanwaltschaft, wir brauchen keine selbsternannten Richter, die das Heft in die Hand nehmen, nur weil sie sich “ungerecht” behandelt vorkommen. Das ist eine maßlose Selbstüberschätzung, Überhöhung und naive Arroganz.

377 Lytrovolution?

Ich komme mit dem Hype um Lytro nicht zurecht. Nein, es ist sogar mehr: Diese angebliche fototechnische “Revolution” ist für mich ein regelrechter Weltuntergang. Ich verstehe mich als Fotograf, es ist das letzte verbleibende Genre in meinem CV, dem ich mich immer noch aktiv verschrieben habe. Das Bokeh (oder auf Flickr nennen sie es lieber “dof” oder “death of field”) ist für mich ein essentieller Bestandteil meiner gestalterischen Kommunikation. Es ist für mich eine Horrorvorstellung, dass irgendjemand – oder schlimmer noch – JEDER in meiner Entscheidung der Fokussierung herumpfuschen könnte.

Die Lytro-Kamera passt in die Mode der “Sozialisierung” aller Bereiche menschlicher Produktion. So bin ich natürlich auch skeptisch ob meiner Gegenwartskulturphobie, weil es recht gut möglich ist, dass dieser vielleicht unumgängliche Paradigmenwechsel auch in der Kunstproduktion einfach nur ein Zeichen der Zeit ist, gegen das ich mich einfach mit konservierender Beharrlichkeit (oder Sturheit) wehre. Da es eben um Kunst geht und um meinen zutiefst emotionalen Ausdruck bestehe ich auf der Hoheit meines Blickes aus Angst vor der Ich-Auflösung.

Vielleicht müssen nun auch Künstler einsehen, dass es in unserer Zeit nicht mehr um die Kommunikation von dem Hirn A an die Hirne B,C,D,E geht, sondern um Material, das von allen Hirnen, sowohl A, als auch B, C, D und E zeitgleich und ohne Vorinterpretation rezipiert werden kann. Für mich ist eben dieser Wechsel im Anspruch an Kunst eine Entwicklung ins Rauschen und ein Ende der Unsterblichkeit menschlichen Geists, ja, für mich ist es ein Rückschritt und keine Innovation. Aber vielleicht irre ich mich auch. Ich weiß es nicht.

274 Clippings

DIE ZEIT (DIE ZEIT)
- Highlight Loc. 1148-49 | Added on Saturday, December 17, 2011, 12:30 AM

Vor 20, 25 Jahren, so glaube ich mich zu erinnern, war das noch anders. Da wurde in verqualmten Studios der Zustand der Welt besprochen, und mit dem Tabaksqualm schienen Visionen, Pläne, Gegenentwürfe aufzusteigen.
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DIE ZEIT (DIE ZEIT)
- Highlight Loc. 1171-75 | Added on Saturday, December 17, 2011, 12:33 AM

Warum, Frau Will, kommen Banker und Wirtschaftsbosse nicht mehr in deutsche Talkshows? In England ist das anders. »Das ist auch mein Eindruck. Und wenn man sich anschaut, wie im angelsächsischen Raum, in Großbritannien, Interviews geführt werden, mit welcher Härte, da käme man hier in Teufels Küche. Man würde zu hören bekommen: Das können Sie mit mir nicht machen. Es würde einem fehlende Höflichkeit vorgeworfen werden, fehlender Respekt vor dem Amt. Bei der BBC nimmt niemand ein Blatt vor den Mund, und trotzdem kommen die Spitzen von Politik und Wirtschaft.«
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Suddeutsche Zeitung (Suddeutscher Verlag GmbH)
- Highlight Loc. 41-43 | Added on Saturday, December 17, 2011, 11:22 AM

Nun schlagen die Steinzeit-Islamisten zurück, seit zehn Tagen twittern auch sie. Ihre Kommentare zeigen, dass sie sich, zumindest was Schlagfertigkeit und die Beherrschung des Englischen angeht, vor einem Major Chirchir nicht zu verstecken brauchen.
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180 Clippings

The Economist – EU Edition (The Economist)
- Highlight Loc. 265-67 | Added on Thursday, December 08, 2011, 12:50 AM

The only way of ensuring that does not happen is to price fossil fuels to cover the cost of the environmental damage they do. Power generated from coal would carry a high carbon-price-tag; power generated from gas a smaller one; power generated from renewables none at all.
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The Economist – EU Edition (The Economist)
- Highlight Loc. 298-300 | Added on Thursday, December 08, 2011, 01:02 AM

The battle over SOPA is a fight between two hugely creative forces. The content companies want to protect a business that is the core of modern culture; the software companies are determined to defend the innovative power of an industry that has transformed the world in the past few decades. Tension between them is inevitable; but a redrafted law could surely deal fairly with both.
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The Economist – EU Edition (The Economist)
- Highlight Loc. 456-58 | Added on Thursday, December 08, 2011, 02:43 AM

A judge at the ICC earns a minimum of €180,000 a year tax-free, and the sort of barristers who defend war-crimes suspects can make many times that amount. The Kenyan suspects’ defence team has managed to recruit a couple of lawyers who formerly worked for the prosecutor’s office. It is a reasonable bet that this move did not involve a pay cut.
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178 Clippings

Süddeutsche Zeitung (Süddeutscher Verlag GmbH)
- Highlight Loc. 1039-42 | Added on Friday, December 02, 2011, 12:56 PM

Konowalow wurde wegen Terrorismus und Kowalew wegen Mitwisserschaftschaft verurteilt. Die beiden 25-Jährigen könnten bereits an diesem Donnerstag hingerichtet werden. Weißrussland ist das einzige europäische Land, das die Todesstrafe noch vollstreckt. Zuletzt wurden im Juli zwei Männer durch Erschießen hingerichtet.
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Süddeutsche Zeitung (Süddeutscher Verlag GmbH)
- Highlight Loc. 1052-54 | Added on Friday, December 02, 2011, 12:57 PM

Die Behörden informieren die Angehörigen erst im Nachhinein von der Vollstreckung des Urteils. Weder erhalten die Familien den Leichnam, noch wird ihnen der Ort der Bestattung genannt. Die EU hat von Minsk wiederholt die Abschaffung der Todesstrafe gefordert. Allerdings hatten 1996 bei einem Volksentscheid 80 Prozent der Wähler eine Abschaffung der Todesstrafe abgelehnt.
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Süddeutsche Zeitung (Süddeutscher Verlag GmbH)
- Highlight Loc. 1063-66 | Added on Friday, December 02, 2011, 12:59 PM

Iran hat dafür letztlich am teuersten bezahlt. In den vergangenen 31 Jahren konnte das zerstörte Verhältnis zu den USA nie mehr repariert werden. Ein großer Teil der Welt, vor allem ihr westlicher Teil, sympathisierte mit Amerika. Der irakische Diktator Saddam Hussein konnte Iran bald danach angreifen, ohne dass er vor den UN-Sicherheitsrat zitiert wurde. Saddam erhielt Kredite, Waffen und Informationen über die militärische Lage der Gegners, während die Iraner als Parias geächtet waren.
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176 Clippings

Süddeutsche Zeitung (Süddeutscher Verlag GmbH)
- Highlight Loc. 227-32 | Added on Thursday, December 01, 2011, 10:42 PM

Deutschland braucht eine Ergänzung der parlamentarischen Demokratie durch eine Verstärkung der unmittelbaren Demokratie sowie eine grundlegende Reform des öffentlichen Planungs- und Baurechts. Die Behauptung, bei einer Verstärkung der unmittelbaren Bürgerbeteiligung sei die Realisierung von Großprojekten nicht mehr gewährleistet, ist falsch. Eine Fortsetzung der bisherigen obrigkeitlichen Verfahren, verbunden mit dem Ausschluss echter bürgerschaftlicher Mitwirkungsrechte, führt, wie viele Vorgänge der letzten Jahre beweisen, zu heftigen Protesten und Auseinandersetzungen, zu erheblichen politischen Verwicklungen und jahrelanger Lähmung der Entscheidungsprozesse.
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Süddeutsche Zeitung (Süddeutscher Verlag GmbH)
- Note Loc. 232 | Added on Thursday, December 01, 2011, 10:42 PM

Der Schlichter und sein Kommentar in der SZ. #s21
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Süddeutsche Zeitung (Süddeutscher Verlag GmbH)
- Highlight Loc. 237 | Added on Thursday, December 01, 2011, 10:44 PM

Bisher legitimierte sich unsere Demokratie durch Wahlen. Durch Abstimmungen? Fehlanzeige. Das wird sich in der Zukunft ändern.
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Süddeutsche Zeitung (Süddeutscher Verlag GmbH)
- Note Loc. 237 | Added on Thursday, December 01, 2011, 10:45 PM

supertaalk!
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Süddeutsche Zeitung (Süddeutscher Verlag GmbH)
- Highlight Loc. 506-10 | Added on Thursday, December 01, 2011, 11:00 PM

Und doch ist er nun derjenige, der den größten Streik seit 30 Jahren im Vereinigten Königreich organisiert hat. Etwa zwei Millionen Angestellte des öffentlichen Dienstes legten am Mittwoch auf der Insel die Arbeit nieder. Fast zwei Drittel der Schulen blieben geschlossen, in den Krankenhäusern wurden Tausende Operationen verschoben, in vielen Städten wie zum Beispiel in Belfast stand der öffentliche Nahverkehr still. Die Briten wurden gebeten, die Notfallnummer 999 wirklich nur im absoluten Notfall anzurufen, denn auch die Rettungsmannschaften streikten. Brendan Barber sagt, er bedauere die Unannehmlichkeiten. Aber es ginge nun einmal nicht anders.
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