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Aus der Wiener Zeitung:

Europäische Firmen dürfen Mitarbeitern das Tragen religiöser Symbole untersagen. Das schließt auch das Tragen eines Kopftuchs ein. Zu diesem Urteil kam am Dienstag der Europäische Gerichtshof (EuGH). Voraussetzung ist aber, dass unternehmensinterne Regeln das sichtbare Tragen jedes “politischen, philosophischen oder religiösen Zeichens” verbieten.

Abgesehen davon, dass ich diese Entscheidung für nicht besonders klug halte (auch wenn sie juristisch korrekt sein sollte), wollte ich darauf hinweisen, dass im Zuge des unsäglichen Kopftuch-Streits jetzt so ganz schnell auch noch die Politik aus den Betrieben verbannt werden soll. Wie geht das weiter? Ist die Mitgliedschaft bei einer Gewerkschaft ein sichtbares Zeichen politischer Einstellung? Hmm. Merkt Ihr worauf ich hinaus will? Euer Eifer wird ein Boomerang. Ich habe Euch gewarnt.

Demagogie

Ich bin ein Fan der Aktion von SOS Mitmensch der unter dem Titel “Populistenpause” firmiert. Ich finde es gut, dass die kalkulierten Hypes nicht mehr mitgetragen werden und hier ein dringend notwendiger Hebel an der Aufmerksamkeitsbremse gezogen wird. Es bleibt für mich jedoch noch ein Problem: Die Populistenpause bedient sich der gegenwärtigen Vorstellung von “Populismus” und auch vor diesem Hype möchte ich warnen.

Es wird der Begriff “Populismus” derzeit sehr geschickt dämonisiert und das führt zu einer Unschärfe in der Diskussion, die mir nicht behagt. Da wird der Ausgleich beschworen und betont, dass der “rechte” als auch der “linke” Populismus nun die Ursache allen Übels sei. Das ist eine wiederholte Verkehrung der Tatsachen, die natürlich nur passieren kann, weil der Begriff falsch eingesetzt wird. Bleiben wir bei dieser Definition, wird das Wesen unserer Idee von Demokratie per se in Frage gestellt werden, weil wenn wirklich eine Stimme gleich viel zählt, dass muss im demokratischen Meinungsbildungsprozess immer ein “Populist” gewinnen. Das ist an sich ja auch nicht schlecht.

Das Problem an Trump und Le Pen ist ja nicht, dass sie populär sind, oder dass sie Wähler*innen das Gefühl geben, wieder eine Stimme in der repräsentativen Demokratie zu erhalten. Das Problem an den aktuellen rechten Demagogen ist der Umstand, dass sie nicht halten werden, was sie versprechen und ihre Wahlstimmen nach Strich und Faden betrügen.

Wir sollten kein Problem damit haben, dass ein Establishment in Frage gestellt wird. Wir sollen auch kein Problem damit haben, dass Eliten ausgewechselt werden (come on). Nein, wir sollten ein Problem damit haben, dass die Menschen nicht mehr wissen, wann sie belogen werden und damit, dass es offensichtlich Viele auch nicht mehr interessiert, ob sie belogen werden oder nicht. Ich bin dafür, diese Begriffe besser zu trennen und deswegen ziehe ich keine Populistenbremse, sondern bediene einen Demagogenstop.

P.S. Ein Kommentar im Spiegel schlägt in eine ähnliche Kerbe. Habe ich beim Schreiben des Artikels zufällig entdeckt.

Hass vs. Angst

Das Gespenst der rohen Sprache geht um. Interessant an meiner Timeline in Sozialen Medien ist aber der Umstand, dass ich Unmengen an Aufforderungen lese, sich zu mäßigen, ich aber nie bis selten tatsächlich auf Hasspostings stoße. Damit will ich diese nicht verharmlosen, ich will erstens nur feststellen, dass ich es mir in meiner Blase gemütlich eingerichtet habe. Das erlaubt es mir wohl auch, einen Schritt zurückzutreten und mir zu betrachen, was auf meiner Seite der Debatte so passiert.

Hier fällt mir nämlich auf, dass sich ein Zustand der Vergangenheit zurück gewünscht wird. Die Zeit, in der es noch gemäßigt und zivilisiert zuging. Ich kann mich gut an diese Zeit erinnern. Ich bezweifle, dass diese Zeit friedlicher gewesen ist. Ich weiß, dass es in dieser Zeit genauso viele Trolle gegeben hat. Ich kann mich an diese gut erinnern. Es war nur anders sanktioniert. Die Menschen hatte mehr Angst vor Konsequenzen ihres Handelns.

Hier möchte ich einhaken. Ich wünsche mir diese Zeiten nämlich nicht zurück. Wenn die Menschen sich trauen, in der Öffentlichkeit das zu sagen, was sie auch denken, finde ich das prinzipiell gut. Es ist schade, dass es so viel Dummheit gibt, die nun publiziert wird. Aber diese Dummheit zu unterdrücken ist nicht der richtige Wege, um diese zu verhindern. Es ist mir lieber ich weiß, wieviel Dummheit um mich herum existiert. Ich will nicht raten, vermuten müssen. Jetzt wissen wir es. Jetzt können wir ansetzen.

Und damit können wir endlich aufhören, alles befrieden zu wollen. Der Hass muss Gegenwind erfahren, bestärkt wird er ja durch Widerspruchsfreiheit. Diese verleitet dazu, zu  meinen, man hätte Recht mit der eigenen rohen Aussage. Die Sanktion muss auf eine andere Ebene gehoben werden. Es geht nicht mehr um den moralischen Zeigefinger durch strenge Autorität die wohl zwanzig Jahre zuvor geherrscht hat. Nutzen wir die anti-autoritäre Freiheit der Gegenwart dazu, endlich auch in Öffentlichkeit zu streiten und zu widersprechen und zeigen den gefühlt 80% Dummköpfen in diesem Land, dass 90 % gescheite, empathische Inländer auf sie warten.