Teile und herrsche!
Ich muss wieder einmal über den Zustand unserer Gesellschaft motzen. Es passieren einfach zuviele Entwicklungen, denen man scheinbar ohnmächtig gegenübersteht und auch genau diese Aussage zeigt wieder einmal, worum es heutzutage geht: Wenn man nämlich von individueller Ohnmacht spricht, dem Gefühl, nichts verändern zu können, muss man sich den Vergleich zur RAF gefallen lassen, als ob es in der politischen Auseinandersetzung gegen die Reaktion nur ein Mittel gäbe. Das Scheitern der Linken gilt immer als Argumentationslinie gegen “linkes” Weltverbesserungsbedürfnis und das ist ein kotzübler Zustand unserer Gesellschaft. Da spricht die Rechte dann sogar vom “linken Mainstream”. Wie bitte? Wo? Die sehen Gespenster. Wisst Ihr überhaupt was “linker Mainstream” wäre? Sehe ich keine Armut, keine Ausbeutung, keinen Rassismus, keinen Sexismus, keine Elitenbildung, keine Elitenbevorzugung, keine Cliquenprotektion, keine soziale Ungerechtigkeit, keine Dummheit in unserem Land? Das wäre linker Mainstream! Ich sehe nichts davon und trotzdem hält sich diese Argumentationslinie in reaktionärer Publizistik wie eine Zecke am Leben. Allein schon der Hauch von Solidarität kommt in den Verruf eines unverbesserlichen utopischen Krankheitsbildes. Wicked.
Und überhaupt. Was soll dieses “Mainstream” - Dissen? Glaubt wirklich irgendjemand dieser “Besseren”, dass er mehr wert wäre als der “sich im Mainstream befindliche”. Dieses Bashing ist unerträglich, arrogant und “es” merkt nicht einmal, dass dieses vermeintliche “Eliten”-Ding ein wunderbares Gängelband der herrschenden Verhältnisse ist. “Das sich über die anderen stellen” ist die wahre Sklaverei, weil sie ermöglicht den Kampf mit der wirksamsten Waffe unserer gegenwärtigen perfiden Doktrin: Teile und herrsche. Ups, es kommt mir doch nicht bekannt vor?
Sich “nicht über die Masse zu stellen” bedeutet kein Anbiedern und keine Unterwerfung, es geht nur um das Prinzip einer Solidarisierung und der notwendigen Erkenntnis, dass wir uns nur selber unserem Glück im Wege stehen. Es wird sich nichts ändern, wenn wir unser Schicksal nicht in unsere Hand nehmen und es gibt niemanden, der es unwert wäre, nicht auf unsere Hilfe zählen zu dürfen. Irgendwie habe ich langsam den Verdacht, dass der glückliche Umstand des Rückzugs der Religionen doch wirklich zu dem Fakt geführt hat, dass mit ihr auch jegliches Bewusstsein für Ethik verloren gegangen ist. Ein post-imperiales Dekadenz-Phänomen. Gab es ja auch schon des öfteren. Glaubt wirklich irgendjemand, dass man sich der historischen Logik entziehen könnte und sich einfach so als Fettauge auf der Suppe der Weltgeschichte dem Geschehen und vor allem auch der Verantwortung entziehen könnte? Das ist grenzenlose Naivität! Denn am Schluss - und das ist die so überaus herrliche Ironie der Natur der Dinge - sind alle Menschen im gleichen Maße jämmerliche Angsthasen vor der Sichel des Todes. Mainstream oder nicht, jeder wird gleich behandelt werden. Da legt sich doch gleich die Wut und die innere Ruhe kehrt wieder ein. Amen.