Österreich und Corona

Gestern in der ZIB1 hatten sie zu Beginn einen Streifzug durch die Meinung der Bevölkerung. Ich denke, das war nett gemeint, aber oft hat diese Geste den gegenteiligen Effekt. Bei großen Häusern wirkt das dann meist gekünstelt und unbeholfen. Oder sind es die ÖsterreicherInnen? Ach, was soll man sagen. Bezeichnend fand ich jedoch eine Aussage, die ich kurz aus der Erinnerung rezitieren möchte:

„Ich mache das, was mir gesagt wird. Punkt.“

Schon ein wenig symptomatisch für dieses Völkchen hier. Wäre also Kurz noch an der Macht und wäre die Fassade der Türkisen gestern nicht in sich zusammengekracht, dann würde diese Person auch alles noch mittragen? Es ist so bezeichnend für hier, dass viele so autoritätshörig sind. Die Entscheidungen basieren nicht auf Information, Verarbeitung und Entschluss, sondern auf Anweisung und Befolgung. Das ist nicht das Wesen einer gesunden, aufgeklärten, republikanischen Bevölkerung, so wie es in der Aufklärung erdacht worden ist. Wie soll Demokratie so funktionieren? Wenn der Willensprozess aus der Bevölkerung per se schon manipuliert ist (durch Befolgung der Vorgaben), wie soll eine demokratische Entscheidung dann auch konsensual getragen werden können? Leute, wir haben hier ein großes Problem!

Ich will, dass die Menschen in diesem Land ihre Entscheidungen treffen, nachdem sie sich gut informiert haben. Ich kann die Ignoranz und das Desinteresse, das in vielen Fällen einfach nur Faulheit ist, nicht goutieren. Ich kann auch diese freiwilligen Opfer nicht mehr sehen, die buckeln und gehorchen und eigenen Willen dann nur noch versteckt im Keller und in den eigenen vier Wänden ausleben. Und ich ertrage die politische Elite nicht mehr, die diese passive Herde gezüchtet (torpedierte Bildungsreform seit Beginn der Zeit), bewusst klein hält und nicht nach oben kommen lässt (Uni-Reform, Schulsystem, Kindergarten) und sie zuguterletzt durch massive Überfinanzierung der Boulevard-Medien bewusst im Unklaren lässt und -schlimmer noch- oft auch direkt belügt bzw. sie durch 12h Arbeitszeitregelung auch bewusst vom Willensbildungsprozess ausschließt, weil eine übermüdete Reflexion nicht möglich ist.

Das Bildungsbürgertum hat in der Vergangenheit oft den Fehler gemacht, sich als Klasse zu betrachten und sich abzugrenzen. Das ist arrogant und in seinen Auswirkungen sogar staatsfeindlich. Weil es hat damit Ressentiments gebildet, die uns jetzt in diese Misere geführt haben. Ich habe mich oft für clever gehalten und als Einzelgänger war ich auch nicht immer ein besonders zugänglicher Typ. Aber glaubt mir, ich bin nicht besonders klug. Aber lernfähig. Ich bin nicht außergewöhnlich gescheit, aber neugierig. Ich schütze mich oft mit Arroganz, aber letztendlich kann ich dann nicht zusehen und bin sehr empathisch. Und genau deswegen ist es mir so ein Anliegen zu schreiben, dass die Mündigkeit eines Menschen das wichtigste Ziel einer Gesellschaft sein muss und dass meine Wut auf Dummheit keine Geringschätzung bedeutet, sondern die Verzweiflung über eine freiwillige Machtlosigkeit der Vielen kanalisiert. Ich wünsche mir einfach wieder eine echte demokratische Gesellschaft und Kultur zurück. Streit unter Gleichberechtigten und Wettkampf der besseren Argumente.

Danke schön.

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